Ausgabe 2 >2019
Professor Dr. Christian von Schnakenburg Professor Dr. Thorsten Kühn Dr. Monika Hanke 2 2019 Esslinger Gesundheitsmagazin 13 Ungewohnte Geräusche waren im September in den Kreißsälen am Klinikum Esslingen zu hören. Es wurde gehämmert und gebohrt. Grund hierfür war der Bau eines weiteren Entbindungs- zimmers. „Ab Dezember können wir dann in fünf Entbindungs- zimmern die Frauen betreuen“, sagt Dr. Monika Hanke, leitende Oberärztin der Geburtshilfe in der Frauenklinik von Professor Thorsten Kühn am Klinikum Esslingen. Das neue Entbindungs- zimmer wird mit einem variablen Entbindungsbett ausgestattet. „So ermöglichen wir den Frauen, verschiedene Gebärpositionen einzunehmen“, sagt sie. Das freundliche und warme Farbkonzept wird an die vier anderen Zimmer angepasst. Die Atmosphäre in den Entbindungszimmern können sich die Frauen und ihr Part- ner nach ihren Wünschen gestalten, etwa durch eine Duftlampe oder das Abspielen der Lieblingsmusik. Hier sind die Paare unge- stört und bleiben nach der Geburt noch zwei Stunden über- wacht. Sie sollen sich erholen und die ersten Stunden für ein Kennenlernen mit ihrem Kind nutzen. Die Hebamme schaut regelmäßig vorbei. Fünf bis sechs Geburten am Tag betreuen Dr. Hanke und ihr Team in enger Abstimmung mit den Hebammen. Auch Frauen aus den Fildergemeinden kommen nach Esslingen. Die hohe Zahl an Geburten war ausschlaggebend für den Bau des weiteren Ent- bindungszimmers: 2009 zählte das Klinikum 1.433 Geburten, 2018 waren es schon 1.892 und im Jahr 2019 erfolgte im Juli bereits die 1.000 Geburt am Klinikum Esslingen. Einige dieser Kinder erblicken das Licht der Welt zu früh und werden dann im Perinatalzentrum Level I am Klinikum Esslingen optimal betreut. Kinderärzte wie Professor Dr. Christian von Schnakenburg, Chef- arzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Esslin- gen, sprechen von einer Frühgeburt, wenn das Kind vor Vollen- dung der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommt. Rund 400 sogenannter „Frühchen“ werden jährlich im Perinatalzen- trum versorgt, im letzten Jahr auch zwei Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm. Die Kinderklinik am Klinikum Esslingen ist auch erste Anlaufstelle für frühgeborene Kinder aus den Krankenhäusern im Landkreis. „Wir holen die Kinder in einem Babynotarztwagen aus den umliegenden Geburtskliniken ab, wenn die Mutter nicht rechtzeitig zu uns verlegt werden kann“, sagt Professor von Schnakenburg. Die Gebärmutter sei allerdings stets der „beste Transportinkubator“. Die Ursachen für eine Frühgeburt können Infektionen, eine Gebärmutterhals-Schwäche, Störungen des Mutterkuchens und der Gebärmutter, Fehlbildungen des Kindes und auch psycho- soziale Faktoren sein. „Häufig ist aber auch unklar, warum es zu Frühgeburtsbestrebungen kommt“, sagt Dr. Hanke. Unterstützung durch erfahrenes Team Frauen mit vorzeitigen Wehen, Blutungen oder einem Blasen- sprung weit vor dem errechneten Geburtstermin werden von den Ärzten und Hebammen im Kreißsaal zunächst untersucht, um sicherzustellen, dass es sich um eine Frühgeburtsbestrebung handelt. „Aber auch Frauen, die während der Schwangerschaft ungewohnte Schmerzen haben oder sich unwohl fühlen, können zu uns kommen. Gemeinsam klären wir dann die Ursache“, sagt Dr. Hanke. Mit wehenhemmenden Medikamenten und Ruhe wird versucht, die Geburt aufzuhalten. Ist eine Infektion die Ursache für die Frühgeburtsbestrebungen, bekommt die Mutter ein Anti- biotikum. Zudem wird das Kind auf eine drohende Frühgeburt vorbereitet. „Dazu erhalten die Kinder Medikamente zur Lun- genreife und zum Schutz vor Hirnblutungen“, sagt Kinderarzt Professor von Schnakenburg. Wenn es die Situation ermöglicht, es der Mutter gut geht und das Kind richtig liegt, streben die Ärzte der Geburtshilfe eine vaginale Geburt an. „Das besprechen wir aber sehr intensiv mit den Eltern und auch den Kinderärzten“, sagt Dr. Hanke. Insge- samt liegt die Kaiserschnittrate bei Frühchen etwas höher als bei reifen Kindern. Für die ganz kleinen Frühchen ist eine vagi- nale Geburt oftmals zu anstrengend. Die Kinderärzte kommen rechtzeitig zur Geburt hinzu, um das Kind sofort versorgen zu können. Neben der intensiven medizinischen Betreuung werden Frauen mit einer drohenden Frühgeburt auch menschlich eng betreut. Dazu gehört, dass die werdenden Eltern die Kinderärzte ken- nenlernen und sich die Neonatologie ansehen. „Das erste Ken- nenlernen beruhigt die Eltern sehr, denn sie haben große Ängste und Sorgen. Zudem bauen wir ein Vertrauensverhältnis auf, welches für die anschließende Behandlung des Kindes extrem wichtig ist“, sagt Professor von Schnakenburg. „Viele der Sor- gen können wir den Eltern nehmen. Denn viele Kinder gehen gesund nach Hause, was jedes Mal ein toller Erfolg für alle ist.“ Für die Behandlung und Betreuung von Frühchen in einem Peri- natalzentrum Level I gibt es strenge Vorgaben, vor allem bei den sehr kleinen und schwerkranken Kindern. Hier gilt die 1:1 Regel. Eine Pflegekraft für Neonatologie darf maximal ein Kind betreuen. Sieben speziell weitergebildete Neonatologen küm- mern sich mit den Fachärzten und Weiterbildungsassistenten um die Frühchen und kranken Neugeborenen. Die Station umfasst 27 Betten, davon acht Intensivbetten. Auf der Neonatologie stehen 24 Stunden ein erfahrener Kinderarzt und spezialisierte Pflegekräfte für die Versorgung der Kinder bereit. >>>
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